Das Erlebnis Trolltunga: Norwegen auf die „harte“ Tour

Trolltunga Norwegen
Für die Trolltunga solltest du schon schwindelfrei sein (Sveinung Klyve / www.fjordnorway.com)

Erlebnis- oder Naturreisen, wie sie bis vor wenigen Jahren vornehmlich Individualreisende erlebt haben, gehören heutzutage immer häufiger zum Programm klassischer „Backpackreisen“. Diese Form der Individualreise besagt, dass auch befestigte Hütten oder Unterkünfte verzichtet wird. Geschlafen wird im Zelt, gekocht mit dem Gaskocher und gewaschen in der freien Natur. Norwegen bietet hierfür geradezu paradiesische Verhältnisse, sowohl für mehrtägige Touren als auch für ausgedehnte Tagesetappen.

Ein Ziel, das in den letzten drei bis vier Jahren zunehmend im Fokus von Backpackern stand, ist Trolltunga. Die „Trollzunge“, eine Felsformation in Nähe des Sees Ringedalsvatnet, verspricht atemberaubende Fotos und naturnahe Erlebnisse, wie es sie in Europa nunmehr selten gibt.

1.100 Meter N.N., 700 Meter in die Tiefe

Wer sich an Norwegen versucht, dem begegnet eine Mischung aus Fjorden, mehr oder minder schwer zu durchklimmenden Gebirgszügen und einer unberührten, rauen Natur. Abseits der städtischen Siedlungsgebiete gibt es Pfade, an denen man über Tage keiner anderen Seele begegnet. Eine solche Region stellt beispielsweise das Gebiet rings um Kjeragbolten dar, ein zwischen zwei Felswänden eingeklemmter Fels in luftig lockerer Höhe. Hierhin gibt es geführte Touren, von Stavanger ausgehend. Der Anstieg dauert, je nach Witterung, etwa 3 Stunden und geht stellenweise nur durch in Fels geschlagene Stahlseile. In vielen Fällen markiert dieser Ausflug den Beginn einer Tour, die ohne den Aufstieg des legendären Trolltunga weit mehr als unvollständig wäre.

Trolltunga, das ist vermutlich das spannendste Motiv eines Norwegen-Touristen, wofür tatsächlich einiges an Arbeit notwendig ist. Die Gesamtstrecke, also der Auf- und Abstieg, beträgt etwa 23 Kilometer. Das Höhenprofil ist dabei vor allem im ersten Drittel äußerst steil, nicht selten gehen allein hierfür schon drei bis vier Stunden drauf. Insgesamt empfiehlt sich ein Start in den frühen Morgenstunden, die durchschnittliche Wanderzeit beträgt zwischen zehn und zwölf Stunden. Der Abstieg bei Dämmerung ist äußerst gefährlich, zudem ist die Versorgungslage dort oben mau. Konkret gesagt: Eine Versorgung dort oben gibt es nicht! Eine Seilbahn, die bis vor wenigen Jahren noch den ersten Anstieg auf das untere Plateau nahm, kann nicht mehr betrieben werden.

Fernab der Zivilisation und ohne Rettungsanker unterwegs

Dass es auf dieser Strecke, auf der man insgesamt 900 Höhenmeter überwindet, praktisch keinen Handyempfang gibt, versteht sich von selbst. Viel eher als Herausforderung aufzufassen sind die klimatologischen Aspekte, denen man hier auf vielfältige Weise begegnet. Wetterumschwünge sind in Norwegen keine Seltenheit, insbesondere nicht im Hochgebirge. Die Muskulatur ist bereits nach dem ersten Drittel des Anstiegs stark beansprucht, da es hier über große Felsen in Form einer Treppe geht. Dies beansprucht weit stärker als ein konstanter, kontinuierlicher Anstieg über mehrere Kilometer. Proviant und Gepäck, das nicht unbedingt bis hoch zum Gipfel muss, sollte daher unbedingt an einem sicheren Ort verstaut werden. Gleichzeitig mit ausreichend Rüstzeug versehen, Kopf und Kniegelenke notfalls wärmen zu können und sich vor den Strapazen eines über Stunden verstärkenden Sturmregens zu schützen.

Tipp: Ab Mitte März werden durch erfahrene Bergführer geführte Touren zum Trolltunga angeboten. Sie werden speziell mit Schneeschuhen durchgeführt und sind ein Erlebnis für sich, da wichtige Aspekte des Ökosystems dieser Region währenddessen erläutert werden.

Wege zum Trolltunga

Wie viele andere Erlebnispfade anderswo in Norwegen, gilt auch Trolltunga nicht gerade als Zuckerschlecken. Bis vor wenigen Jahren galt der Felsvorschrung als Geheimtipp für Einheimische, bis Backpacker aus aller Welt durch atemberaubende Bilder diesen eigentümlichen Ort bekannt machten. Der nächste größere Ort ist Odda, hier finden Sie auch eine Touristeninformation und notfalls auch Übernachtungsmöglichkeiten. Erreichbar mittels Busverbindungen aus Bergen oder Stavanger. Zwischen dem 15. Juni und dem 15. September besteht der sogenannte „Trolltunga Shuttle“, ein Abholservice von Odda nach Skjeggedal. Von dort beginnen die Wanderung und der Aufstieg.

Abschließende Hinweise für Norwegenreisende

Der ideale Zeitraum für Wanderungen in Norwegen liegt zwischen April bis etwa September. Aber auch während dieser Zeit gibt es keine wirkliche Garantie für gutes Wetter, was gemeinhin das Wandern erleichtern würde. Schnelle Wetterumschläge, die Funktionsbekleidung erfordern, gehören zur Standardausrüstung.

Weitere Besonderheiten gilt es in Bezug auf das in Norwegen herrschende Jedermannsrecht zu beachten. Zelte dürfen überall, also in den Bergen oder Wäldern, für eine Nacht aufgestellt werden. Befinden sich bewirtschaftete Flächen in der Nähe oder Häuser, ist ein Mindestabstand von 150 Metern einzuhalten. Bei mehr als zwei Übernachtungen ist es üblich, den Grundbesitzer vorher um Erlaubnis zu bitten. Innerhalb der Gefahrenzeit, vom 15. April bis 15. September, sind offene Feuer in oder der Nähe von bewaldeten Flächen verboten. Anderenfalls gilt, allgemein Rücksicht zu nehmen.

Des Weiteren kann es in den Sommermonaten zu Engpässen bei den Zug- oder Busverbindungen in den Westen und Norden geben. Es empfiehlt sich daher eine ausreichende Vorausbuchung. Sonderfahrten sind unüblich, da der Anteil an Individualreisenden überdurchschnittlich hoch ist. Separate Fahrten, etwa mittels Taxi, sind aufgrund der eigenen Währung relativ kostspielig.

Verfasst am 20. Juli 2016

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