Östersunds FK mit skurrilem Kulturtrip auf Erfolgskurs

Es ist wahrlich nicht alltäglich, dass Profifußballer Ballett tanzen, Theater spielen, Lesezirkel veranstalten oder wie unlängst Ende vergangenen Jahres eine 90-minütige Musikrevue bestreiten. Doch das gehört zum Wesen des schwedischen Fußballclubs in Östersund. Seit fünf Jahren verpflichtet der Östersunds Fotbollsklubb, kurz Östersunds FK oder ÖFK genannt, seine Spieler vertraglich dazu, das alternative Kulturprogramm mitzumachen. Und damit hat er sich zum Erstligisten gemausert. Ohne die Kultur wäre der Aufstieg in die Allsvenskan undenkbar gewesen. Davon sind Spieler wie Betreuer und Funktionäre überzeugt.

Durch Lage und Klima Alternative unerlässlich

Noch vor ein paar Jahren hätten jene, auf die Schwedens beste Angebote von Wettquoten ohne Unterlass einen Reiz ausüben, nicht auch nur eine müde Mark auf den ÖFK gesetzt. Der aus der Fusion zweier mittelprächtiger örtlicher Vereine hervorgegangene Klub hielt vergeblich nach einem großzügigen Investor Ausschau und schlitterte 2010 endlich in die vierte Liga.

An sich ist Östersund mit gut 50.000 Einwohnern kein so kleines Nest, ob der isolierten Lage in der bevölkerungsärmsten Provinz Jämtland und des überaus rauen Klimas ist die Stadt allerdings nicht unbedingt dazu angetan, attraktive Spieler aus aller Herren Länder anzuziehen. Während Hiesige wie der 31-jährige Bobo Sollander erst nach einem Meter Schnee an einen Verzicht aufs Training denken, ist für Engländer bereits mit ein paar Schneeflocken die Dienstverweigerung ein Thema. Angesichts dessen überrascht es wenig, dass in Östersund ein Fußballklub eljest sein muss, also eigenwillig, verschroben, exzentrisch.

Nicht länger in den Fängen der Komfortzone

Im Prinzip ist die Sache rasch erklärt. Durch die kulturelle Betätigung verlassen die Profikicker ihre gewohnte Komfortzone. Sie treten aus sich heraus, loten ihre Grenzen aus, tanken Selbstbewusstsein und erleben ein ungleich stärkeres Gemeinschaftsgefühl.

Auf Anregung von Karin Wahlén, der Kulturmanagerin des Vereins, gingen die Kicker erst lediglich ins Theater oder besuchten Kunstausstellungen. So richtig klappen wollte es jedoch nicht mit der Inspiration. Wie es der Zufall freilich wollte, traf Präsident Daniel Kindberg eines schönen Tages auf die Schriftstellerin Martina Haag. Ihre beiläufige Bemerkung, dass die Schweden weniger den Tod als vielmehr den Bühnenauftritt fürchten, war Kindbergs große Erleuchtung. Ab diesem Zeitpunkt hatte der Klub das gesuchte Alleinstellungsmerkmal.

Mit der Kulturklausel zu neuen Ufern

Cheftrainer Graham Potter, ein ehemaliger Premier-League-Spieler des FC Southampton, war von Anfang an Feuer und Flamme für dieses Kulturding. Er fand es schlicht reizvoll, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und was völlig Neues auszuprobieren. Einen Profiverein ganz anderer Art zu kreieren ist schließlich nicht alle Tage möglich.

Es war ihm durchaus bewusst, dass sich das Tanzen oder Singen nicht unmittelbar positiv auf das Schießen oder Dribbeln auswirken würde. Allerdings spürte er instinktiv, durch gefestigtere Persönlichkeiten auch bessere Feldspieler zu kriegen. Dass dabei die Kulturklausel, die den regelmäßigen kulturellen Austausch mit Schauspielern, Tänzern und Schriftstellern vorsah, erst auf wenig Gegenliebe stieß und die öffentliche Kritik von einem absurden ÖFK-Theater sprach, steht auf einem anderen Blatt.

Seit sich nicht länger 500 oder 600 verlorene Seelen am Spielfeldrand tummeln, sondern regelmäßig das Stadion mit 9.000 Zuschauern ausverkauft ist, versteht jeder, dass aus dem Verein fliegt, wer sich für die Kultur zu schade ist.

Frenetischer Applaus als Dank fürs Lampenfieber

Bereits beim Auftritt des ÖFK im Storsjö-Theater 2015 hat die Lokalzeitung Östersunds-Posten vom Kulturereignis des Jahres gesprochen. Der nahezu zeitgleiche Aufstieg in Schwedens Bundesliga dürfte sein Teil zum überschwänglichen Lob der Fußballtruppe beigetragen haben. Nichtdestotrotz bewegten sich die Männer 50 Minuten lang gekonnt zu den Klängen von Tschaikowskis „Schwanensee“.

Ein Jahr später musste denn auch die um einiges größere Messehalle in der Nähe des Flughafens her, um dem Ansturm der Massen gewachsen zu sein. Statt der 450 Theaterbesucher wurden im November 2016 2.000 Gesangsfreunde erwartet. Nach all den kulturellen Aktivitäten der Vergangenheit war der Auftritt an diesem Abend für Cheftrainer Potter die mit Abstand größte Herausforderung. Nicht von ungefähr. Das Kunststück, als Engländer in einem Solo die inoffizielle Nationalhymne der Provinz Jämtland in der Regionalsprache Jamska darzubieten, wird dem Mann so schnell kein Kollege nachmachen. Selbst wenn die Hilfe einer Gesangslehrerin und des Betreibers der örtlichen Musikschule inbegriffen ist.

Verfasst am 28. April 2017
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